2017 Die Nashörner

von Eugène Ionescu

 

Rezension zur Inszenierung 2017

 Theater am MPG  - Eugène Ionesco: Die Nashörner

Aufgeführt am 17., 18., 24. und 25. März 2017 

 

Die dekonstruierte Menschlichkeit

Was ist es, was den Mensch zum Menschen macht, was ihn vom Tier unterscheidet? Genau diese Frage wird in dem Theaterstück von Ionesco beantwortet, indem sie offengelassen wird. Kein Held steht am Ende da und rettet die Welt, keine Lichtgestalt als Hoffnungsträger, der die totalitären Regimes dieser Welt aufhält, der aufklärt und so die verirrten Seelen wieder zum Guten führt oder wenigstens die Demokratie wiederherstellt. Das Schlussbild zeigt ein übermächtiges Nashorn, das fast den ganzen Bühnenraum verdeckt und daneben einen kleinen Antihelden, dessen einzige Großtat darin besteht, dass er sich zu seinem Menschsein bekennt – nicht mehr, aber auch nicht weniger! 

 

Der subtile Sieg des Antihelden entwickelt sich langsam in vier Bildern. Ausgang ist das normale spießige Gefüge einer bürgerlichen Gesellschaft. Mit liebevollen Details und großer Spielfreude verkörpern Marie Hausmann (Hausfrau), Kim Kaufmann und Lamis Khalil (Kolonialwarenhändler), Cornelia Nieth (Kellnerin), Marc Velez Kessel (Wirt), Mathis Braun (Zoologe), Ranya Hamid und Anna-Lena Hoh (Spaziergängerinnen) die Typen einer Gesellschaft, deren Ziele das eigene Wohlbefinden, die Selbstdarstellung und der Profit sind. Deren Banalität und erschreckende Mittelmäßigkeit spiegeln sich in der Farbgebung der Bühne und Kostüme, gedeckte Farben, schwarz und weiß. Die verschiedenen Ebenen der Vorbühne und die pointiert dekorierten grauen Wandelemente ermöglichen eine lebendige Inszenierung, wodurch die Textlastigkeit der Dialoge angenehm auflockert wird. Mittendrin Linus Zeitnitz als Behringer, verkatert, unpünktlich, leicht heruntergekommen, ein Mensch mit Schwächen, aber der einzige mit Farbe, einem kräftig orangenen Hemd. Linus spielt diesen unpolitischen Antibürger wunderbar lässig, die Labilität wirkt überzeugend. 

 

 

Sein Dialogpartner ist der korrekte und steife Hans, ebenso glaubhaft verkörpert von Emil Roth, sein perfekt sitzender schwarzer Anzug und sein weißes Hemd mit Fliege lassen die Verlogenheit seiner zur Schau gestellten Tugendhaftigkeit ahnen. Hans sieht sich als Prototyp des perfekten Menschen, in Gesinnung, Verhalten und gesunder Körperlichkeit. Diesem Paar korrespondierend gegenübergestellt Jonathan Uchmann als der Logiker, der in unerträglich paradoxen Äußerungen seine Umgebung blendet und besonders die Studentin (Maja Schober) beeindruckt, die ihn mit wunderbar verliebtem Blick anhimmelt. In den sich ständig wiederholenden Schleifen verbalen Unsinns entwickeln die beiden leichtfüßig und elegant eine intellektuelle Selbstverliebtheit bar jeglicher Vernunft. 

Bei aller wortlastigen Geschäftigkeit auf der Bühne herrscht trotzdem Stillstand, es entwickelt sich nichts, die Gesellschaft kreist um sich selbst. Dann überraschend der Einbruch des ersten Nashorns. Die Tontechnik lässt es als akustisches Phänomen bedrohlich von hinten nach vorne quer durch den Raum jagen. Die sinnliche Reduktion auf das Ohr imaginiert den Schrecken, der auch die Gesellschaft aus ihrer Selbstgefälligkeit  reißt. Aber nur kurz, dann ist alles wieder beim Alten, auch die gesteigerte Wiederholung mit einem Todesopfer – die plakativ platte Stoffkatze löst keine Empathie aus – ändert nichts.

 

Das zweite Bild zeigt Behringers Büro und weist subtil durch eine vorausdeutende Farbsymbolik auf die wachsende Macht der Nashörner hin: grau in vielen Schattierungen, dazwischen gelbe Farbtupfer, die sich später in der Farbe vieler kleiner „Hörnchen“ wiederfinden. Hier zeigen sich die Typen der Arbeitswelt: Die ehrgeizige Abteilungsleiterin Frau Schmetterling, überzeugend verkörpert durch Katharina Hertel, scheitert in ihrem Streben nach Aufstieg regelmäßig auf der Trittleiter an der schwarzen Rückwand und hat ihren Laden nur scheinbar im Griff: Herr Wisser (Jonas Keßler), Herr Stech (Renana Hoyer), Daisy (Teresa Stein) und Frau Kneifer (Franka Lau) diskutieren statt zu arbeiten und Behringers Unpünktlichkeit bleibt ohne Konsequenz. Diskutiert wird über das Auftreten der Nashörner in der Stadt, aber es werden nur die eigenen Positionen zementiert. Herr Wisser skandiert laut und durch demonstratives Spiel seine Parolen. Der Vorwurf, dass die Nashörner nur Erfindung einer Lügenpresse sei, ist erschreckend aktuell. Herr Stech entlarvt den Phrasendrescher Wisser durch ein angenehm ruhiges und souveränes Spiel, ebenso souverän unterstützt von Daisy und Frau Kneifer. Und trotzdem: kein Problembewusstsein und noch weniger eine Problemlösung. Erst der Auftritt von Frau Ochs (Sara Hamid) belebt den Stillstand der Eitelkeiten. Eindringlich spielt sie zunächst ihre Ohnmacht, um dann dem Wunsch, ihrem zum Nashorn verwandelten Mann hinterherzustürzen, mit leidenschaftlichem und kraftvollem Gestus nachzugeben. Der Zuschauer ist fast erleichtert, endlich eine Handlung, die das ständige Im-Kreise-Drehen der Figuren durchbricht, auch wenn die Vorstellung der auf dem Nashornrücken davon reitenden Frau Ochs, die als Mauerschau berichtet wird, irritierend ist. Die Bedrohung durch die Nashörner ist auf einmal real geworden, die Rettung durch die Feuerwehr (Rubine Brückner, Felix Bach) gerät zur Farce, die deutlich macht, dass hier niemand gerettet werden will. Ein Zufall, dass die Rettungsweste der Feuerwehr genau der Farbe von Behringers Hemd entspricht?

 

Im dritten Bild ein Kammerspiel von verstörender Intensität. Die Bühne zeigt das Schlafzimmer von Hans, klaustrophobisch sind die grauen Wandelemente um das zerwühlte Bett angeordnet, der aufgehängte Rahmen zum Zuschauerraum demonstriert die Illusion der vierten Wand, die als solche immer wieder durchbrochen wird. Der private Hans zeigt nun sein Inneres, Pyjama statt Anzug. Behringer besucht den kranken Hans und sorgt sich um ihn, doch Hans ist in seinem Ich gefangen. Es zeigen sich allmählich Veränderungen in Wortwahl, Körperhaltung, Stimme und Artikulation, die die Verwandlung von Hans in ein Nashorn sichtbar machen. Der Versuch von Behringer, dieser Metamorphose durch Empathie und Verständnis – Attribute der Menschlichkeit - entgegenzuwirken, scheitert. Emil Roth gelingt es grandios, die allmähliche Veränderung vom Mensch zum Tier in einer stetigen Spannung und mit virtuoser Körperlichkeit zu einem Höhepunkt zu steigern, der den Zuschauer mit Wucht trifft. Der Chor (u.a. Carla Mussler, Lara Stoll) verstärkt die Wandlung in ein Nashorn, akustisch als auch optisch, durch verschieden geformte graue Plakate nehmen die Nashörner Raum ein. Immer wieder, von allen Seiten unter Ausnutzung aller Raumebenen zeigen die Nashörner Präsenz. 

 

Im vierten Bild könnte sich das Geschehene wiederholen. Nun liegt Behringer zugedeckt mit einer gelben Nashornbettdecke im Bett, das Orange seines Hemdes ist inzwischen verblasst und er erwartet ängstlich, fast hypochondrisch, die ersten Anzeichen der Verwandlung zum Tier. Es besuchen ihn Frau Kneifer und Herr Stech, später dann die fürsorgliche Daisy. Doch die Geschichte wiederholt sich nicht. Auch wenn Daisy und Behringer als Liebespaar zusammenfinden und dem Grauen draußen vermeintlich ihre Liebe entgegensetzen, scheitert dieser Lösungsversuch für das Drama. Inzwischen ist das ganze Kollektiv zu Nashörnern mutiert, die permanente akustische und optische Präsenz zeigen, sodass die Nashörner für den Zuschauer tatsächlich erlebbar werden. Das ist eine großartige Leistung des „Nashornchores“, wenn hier jeder Schüler hinter der Anonymität der Maske mit einer verdichteten Intensität Spannung erzeugt. Das Prinzip Liebe scheitert, Daisy entscheidet sich für die vermeintliche Wahrheit des Kollektivs, zurück bleibt der jämmerliche Behringer. Zum Schlussbild bauen sich nun die einzelnen Plakatträger auf und setzen die grauen Elemente zu einem riesenhaften Nashorn zusammen -  ein starkes Bild -,  dem sich Behringer entgegenstellt. Eine insgesamt großartige schauspielerische Leistung von Linus Zeitnitz, diesen schwachen Antihelden mit Würde die Schlussworte sagen zu lassen: „Ich bin der letzte Mensch und werde es bleiben. Ich unterwerfe mich nicht!“

 

Für die erste Inszenierung unter neuer Leitung des Theaters am MPG haben sich Theater und Kunst in einer Kooperation zusammengefunden und herausgekommen ist ein Meisterstück. Melanie Hong (Regie) und Katrin Fuchsloch (Bühnenbild) haben Großartiges geleistet. Sie schaffen nicht nur eine in sich schlüssige, abwechslungsreiche Inszenierung mit einem bis in kleinste Details komponierten stimmigen Bühnenbild, auf das das Bühnenbildteam (Janusz Luszczek, Felix Bach, Marlene Hertenstein, Franka Lau, Sophie Metzmaier, Emma Rogge) stolz sein kann. Ihnen gelingt es vor allem, alle Beteiligten zu einer beeindruckenden Ensembleleistung zu formen. Selbst kürzeste Auftritte wie von Herrn Hans und seiner Ehefrau (Fabienne Koch, Maja Düsenberg) sind schauspielerisch auf den Punkt genau abgestimmt und unterstützen die stetige Spannung, die in einem fulminanten Schlussbild gipfelt. Die Souffleurin Jule Zeitnitz gibt dem Ensemble Sicherheit, hat aber während der Aufführungen wenig zu tun. Einen großen Anteil an der Wirkung hat auch die Technik (Fabian Hochberg, Jonathan Quiring). Präzise setzt sie das Geschehen ins richtige Licht und vor allem die akustischen Effekte bilden zu den absurden Dialogen einen sinnlich-emotionalen Kontrapunkt. Dieses Theater setzt Maßstäbe.

 

Christiane Hayn-Weber

 

Badische Neueste Nachrichten vom 21.03.2017